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„Eisengesichter gibt es wohl überall.“ Belgrad im Interview.

By Nico

Belgrad wurde Anfang 2015 von Hendrik Rosenkranz und Leo Leopoldowitsch gegründet, als sie auf einer mehrwöchigen Osteuropareise waren. Kurze Zeit später stießen noch Ron Henseler und Stephan Mahler.

Die vier Musiker waren bereits in anderen Bands aktiv: Stalin vs. Band, Dikloud, Slime, Torpedo Moskau, Kommando Sonnenmilch, um nur einige zu nennen.

Letzten Freitag ist das großartige Debütalbum erschienen, und ich musste der Band einfach ein paar Fragen stellen.


Hallo. Vielen Dank, dass ihr euch die Zeit nehmt, mir ein paar Fragen zu beantworte. Könntet ihr euch zu Beginn bitte kurz vorstellen?

Hallo. Wir – Leo, Stephan Ron und ich – sind Belgrad aus Berlin, Dresden und Hamburg und haben soeben auf Zeitstrafe unsere erste Platte veröffentlicht.

Für mich seid ihr ein wenig wie aus dem Nichts aufgetaucht, nachdem mich Olli Schulz auf euch aufmerksam machte. Es gab da nur dieses atmosphärische Video zu Niemand, und sonst wenig bis gar keine Informationen. War dieses leicht Geheimnisvolle so geplant oder habe ich einfach nicht tief genug gegraben?

Dieses leicht Geheimnisvolle folgte keinem Plan, ergab sich jedoch aus unserem konzentrierten Arbeitsprozess am Album. Der Fokus lag einzig und allein auf den Songs und unserer Zusammenarbeit und niemandem war während dieser Periode daran gelegen, unseren Öffentlichkeitsauftritt zu pflegen oder zu initiieren.

Zudem sind wir auch privat alle vier nicht unbedingt aktiv in der Social Media Welt. Im Nachhinein entspricht es aber schon unserer Idee, dass die Musik allein und für sich sprechen soll und dabei die Persönlichkeiten der Band absolut im Hintergrund bleiben können.

Ihr habt die Idee zu Belgrad ja auf einer mehrwöchigen Osteuropareise gehabt. Inwieweit haben die Eindrücke dieser Reise Einfluss auf eure Ideen gehabt?

Auf einer Reise durch Osteuropa nimmt man viele Eindrücke auf, wenn man offen dafür ist und auch in die schmutzigen Ecken schaut. Wir haben viel gesehen, dass dir auf einer Fahrt durch Deutschland beispielsweise so kaum begegnet.

Armut und Elend, Kriegsschäden, politische (und damit auch künstlerische) Repression, Unterdrückung und einen Mangel an Möglichkeiten, aber trotzdessen oder genau deshalb Gastfreundschaft und Lebensfreude, Optimismus und eine Offenheit gegenüber uns, unserer Musik und unseren Geschichten. Diese Eindrücke und Erlebnisse finden sich in unseren Texten wieder.

Zudem haben Leo und ich einfach super harmoniert und uns entschlossen, ein eigenes Projekt zu starten, um musikalisch gemeinsam weiterzugehen. Das wurde Belgrad.

Wie seid ihr auf den Namen gekommen? In Zeiten der Suchmaschinen ist der Name ja nicht unbedingt von Vorteil.

Die Eignung des Bandnamens bezüglich seiner Suchmaschinenrelevanz hat uns nicht interessiert. Wir haben uns zum einen für Belgrad entschieden, weil das eine der besuchten Städte war, die uns stark beeindruckt hat und zum anderen, da die Geschichte und Schlüsselrolle dieser Stadt der Atmosphäre unserer Musik entspricht, wie wir finden.

Belgrad ist die weiße Stadt, das Tor zum Balkan, reich, schön und erfolgreich. Gleichzeitig jedoch voller Zwiespalt – der letzte Krieg ist noch sichtbar in seiner Fratze, die zu sanieren versucht wurde. Du kannst die Stimmung zum Aufbruch spüren, für den das Geld nie ganz reicht, und die großen Träume der kleinen Leute empfinden, die keiner hört.

Das ist eine Stadt, in die man gerne eine Reise macht, aber in der man nicht unbedingt leben möchte. Die Komfortzone fehlt irgendwie. Und das würden wir auch über unsere Musik sagen.

Das ist eine Stadt, in die man gerne eine Reise macht, aber in der man nicht unbedingt leben möchte. Die Komfortzone fehlt irgendwie. Und das würden wir auch über unsere Musik sagen.

Ihr wohnt in Berlin, Hamburg und Dresden. Wie arbeitet ihr an den Songs? Trefft ihr euch in einer der Städte oder macht ihr alles digital?

Größtenteils arbeiten wir inzwischen bei Ron im Studio in Hamburg. Ein Großteil der Songs entstand jedoch während einer intensiven, fast fiebrigen Arbeitsphase bei mir in Berlin. Selbstverständlich erfolgt der Austausch auch auf digitalem Weg, wir bewerkstelligen es aber schon, regelmäßig persönlich zusammenzukommen.

Der Musikexpress schreibt: „BELGRAD ist die ernsthafteste deutsche Platte das Jahres (…)“ Seht ihr das als Kompliment?

Das ist ein großes Kompliment. Wir nehmen unsere Musik durchaus ernst, die Songinhalte sind allesamt ernster Natur und das Attribut der Ernsthaftigkeit ist daher absolut treffend.

Ist euch die deutsche Musiklandschaft aktuell zu oberflächlich?

Das kann man so nicht sagen. Es erscheint uns vermessen, einzuschätzen, dass andere deutsche Künstler oberflächliche Songs schreiben, dass Texte weniger relevant sind usw. Unserem persönlichen Geschmack nach bedient sich zeitgenössische deutsche Musik aber schon vermehrt zu eingängigen Popstrukturen und besingt Themen, die uns oftmals nicht bewegen.

Unser eigener Anspruch ist es nicht, jedem zugänglich und leicht verdaulich zu sein. Wir beherrschen die klassischen Popstrukturen natürlich genauso, sie langweilen uns jedoch und wir wollten brechen mit dieser Konvention.

Was mich bei eurer Musik besonders beeindruckt sind die Texte. Die Geschichte hinter Schellack und Gewalt ist packend und poetisch aufbereitet, und vor allem Kahlberg ist als Trennungslied perfekt aus dem Leben gegriffen. Diese Bilder und vor allem der Vortrag legen natürlich den Schluss nahe: das hat einer von euch genauso erlebt. Oder ist das Fiktion?

Natürlich haben wir alle Dinge erlebt, die in die Texte eingeflossen sind. Aber letztlich erzählen wir Geschichten, die aus unterschiedlichen Quellen stammen: Begegnungen und Reisen, Büchern und Filmen, Ideen und Utopien. Ein persönliches Trennungslied auf dem Album würde nicht unserer Intention entsprechen.

In welcher Stadt begegnen euch mehr Eisengesichter? In Dresden, Berlin oder Hamburg?

Eisengesichter gibt es wohl überall. Keine der drei Städte ist davon ausgenommen. Aber natürlich ist der Grad der Vermischung einfach größer, je größer und kulturell vielfältiger eine Stadt ist. Daher fallen sie schlichtweg weniger auf.

Apropos Berlin und Hamburg: ihr spielt jetzt ja in beiden Städten jeweils ein Konzert. Freut ihr euch darauf, eure Songs auf die Bühne zu bringen?

Natürlich freuen wir uns auf die Konzerte – es ist großartig, die Songs endlich live vorzustellen.

Was habt ihr für das Jahr 2017 noch geplant?

2017 werden wir vorrangig dazu nutzen, unser Album zu promoten, voraussichtlich weitere Konzerte zu spielen und natürlich an neuen Songs zu arbeiten.

Ich danke euch vielmals.


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Quelle

Quelle: NICOROLA